Anmerkungen von Dr. Hans-Jürgen Hillmer, BuS-Netzwerk für Betriebswirtschaftliche und Steuerliche Fachinformationen (www.bus-hillmer.de)

 

 

Wer die Fachliteratur und die Tagespresse verfolgt, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass auch in Deutschland die International Financial Reporting Standards (IFRS) dominieren und das HGB als ein Auslaufmodell angesehen wird. Die BVBC-Stiftung beschäftigte sich gerade in ihren letzten Symposien mit dieser Thematik und diskutierte unter anderem mit Frank Reuther, Leiter Konzernrechnungswesen und –controlling der Freudenberg & Co. Kommanditgesellschaft, Weinheim und Vorstandsvorsitzender der Vereinigung zur Mitwirkung an der Entwicklung des Bilanzrechts für Familiengesellschaften e.V. (VMEBF) darüber, ob die Familiengesellschaften die so genannten „IFRS for SMEs“ als Option für ihren Abschluss sehen (vgl. ausführliche Berichte dazu in BC 4/2011 S. 161-164  und in KoR 4/2011 S. 214-21).

Umso mehr überraschen die erstmalig der deutschen Öffentlichkeit präsentierten Zahlen zur tatsächlichen IFRS-Anwendung in der Bilanzierungspraxis, die der renommierte Bilanzierungsexperte Prof. Dr. Karlheinz Küting, Saarbrücken, am 20.05.2011 in Berlin vorstellte. Küting ist Preisträger des am 19.5.2011 in Berlin verliehenen Controller-Ehrenpreises der BVBC-Stiftung.

Anlässlich der im Rahmen des Bundeskongresses des BVBC (Bundesverband der Bilanzbuchhalter und Controller e.V.) erfolgten Preisverleihung ging Küting weniger auf den eigentlich ausgezeichneten Beitrag „Notwendigkeit eines Cash- und Liquiditätsmanagements“ (mit den Co-Autoren Dr. Andrea Rösinger und Dipl.-Kffr. Mana Mojadadr veröffentlicht in DB 12/2010 S. 625-631) ein. Er betonte jedoch, dass das ausgewählte Projekt voll seinem Wissenschaftsverständnis entspreche, das einen engeren Bezug zur konkreten Praxis sucht. Und auf dieser Linie liegt auch das anschließend in seiner Dankesrede herausgestellte Thema: Das Verhältnis zwischen HGB und den IFRS.

Die von Küting im Rahmen einer aufwändigen Studie ermittelten Zahlen zur IFRS-Anwendung in Deutschland rücken das Verhältnis von HGB und IFRS in ein neues Licht. Es wurden Daten des Bundesanzeigers mit folgenden Ergebnissen ausgewertet:

- Konzernabschlüsse: Für das Jahr 2009 wurden nach Aussage des Bundesanzeigers 4496 Konzernabschlüsse veröffentlicht. Die Wirtschaftsprüferkammer geht von 612 kapitalmarktorientierten Mutterunternehmen aus, so dass eine Restanzahl von 3884 nicht kapitalmarktorientierten Mutterunternehmen verbleibt. Hieraus wurde eine Stichprobe von 2000 = 51,5% gezogen. Die belastbare Stichprobe hat gezeigt, dass sich nur 5,2% der deutschen nicht kapitalmarktorientierten  Mutterunternehmen für die IFRS, aber 94,8% für das deutsche HGB entschieden haben.

- Einzelabschlüsse: Nach Angaben des Bundesanzeigers veröffentlichen 2009 1,1 Mio. deutsche Unternehmen ihren Einzelabschluss im Bundesanzeiger. Auf der Basis intensiver Recherchen ließen sich im Rahmen des Forschungsprojekts nur 14 (!) veröffentlichte IFRS-Einzel-Abschlüsse identifizieren. Der Studienleiter Küting „garantiert, dass die gesamte Zahl der veröffentlichen Abschlüsse nicht 50 überschreitet.“

Daraus folgt, dass das HGB nach wie vor das eindeutig dominierende Bilanzierungssystem in Deutschland ist. Zumindest von der Quantität her stellen die IFRS-Anwender also nur eine geringe Minderheit dar. Am Centrum für Bilanzierung und Prüfung an der Universität des Saarlandes wird zudem in qualitativer Hinsicht einhellig die Meinung vertreten, dass das HGB gegenüber den IFRS viele Vorteile aufweist und es sich lohnt, diese Vorzüge offensiv zur Diskussion zu stellen: „Zu lange haben wir“, so formulierte es Küting in seinem eindringlichen Schlussappell, „tatenlos mit angesehen, wie mit einer kaum zu überbietenden Informationsflut und Änderungsdynamik die Bilanzierungspraxis in Deutschland verunsichert wurde.“

Welche Schlüsse mittelständische Unternehmen und dabei vor allem Familiengesellschaften aus den Ausführungen von Prof. Küting ziehen werden, bleibt abzuwarten. Die BVBC-Stiftung jedenfalls plant für den Herbst 2011 eine weitere Veranstaltung unter der Überschrift „HGB – doch kein Auslaufmodell?“

BVBC Stiftung zur Förderung von Rechnungswesen und Controlling
BVBC Stiftung zur Förderung von Rechnungswesen und Controlling
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